Mythos World

Hendrik van Deik - Ein Ermittler, der rechtzeitig aufhörte

Manche Cthulhu-Charaktere sterben. Andere verlieren den Verstand. Und einige wenige wissen, wann es Zeit ist, aufzuhören.

Irgendwann zwischen 1985 und 1988 spielte ich Hendrik van Deik, meinen zweiten Cthulhu-Charakter überhaupt.

Damals spielten wir in Arkham, jener fiktiven Stadt in Massachusetts, die für mich bis heute zu den faszinierendsten Schauplätzen des Cthulhu-Mythos gehört.

Hendrik war gebürtiger Holländer und hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich.

Vom Jagdflieger zum Ermittler

Während des Großen Krieges war Hendrik als Jagdflieger im Einsatz gewesen. Nach dem Krieg arbeitete er als Postflieger.

Irgendwann verschlug es ihn nach Arkham.

Dort begann seine eigentliche Karriere als Cthulhu-Ermittler. Was er in dieser Zeit alles erlebte, bekomme ich nach beinahe vierzig Jahren nicht mehr vollständig zusammen. Aber an Hendrik selbst erinnere ich mich noch immer.

Und vor allem daran, dass ich irgendwann eine Entscheidung traf, die für einen Cthulhu-Spieler eher ungewöhnlich ist.

Ich schickte ihn in den Ruhestand.

Ein ungewöhnlich vernünftiger Entschluss

Wer Cthulhu spielt, kennt das Problem: Die Ermittler überstehen vielleicht die körperlichen Gefahren ihrer Abenteuer, aber ihre geistige Stabilität nimmt mit jeder Begegnung mit dem Unbegreiflichen weiter ab.

Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sich fragen muss, wie viel ein Mensch noch ertragen kann.

Bei Hendrik wollte ich es nicht darauf ankommen lassen.

Bevor er zu viel Stabilität verlor, beendete ich seine aktive Laufbahn als Ermittler.

Er hatte genug gesehen.

Aber damit war seine Geschichte keineswegs zu Ende.

Ye Olde Store

Hendrik blieb in Arkham und wurde dort sesshaft.

Er eröffnete einen kleinen Laden namens Ye Olde Store, vollgestopft mit Büchern und ausgewählten Antiquitäten.

Daneben unterrichtete er Astronomie an der Miskatonic University.

Ein ehemaliger Jagd- und Postflieger, der nun zwischen alten Büchern, Antiquitäten und den Sternen seinen Platz gefunden hatte.

Für einen ehemaligen Cthulhu-Ermittler eigentlich ein ganz angenehmes Leben.

Zumindest auf den ersten Blick.

Der Arkhamer Leseclub

Viele Jahre später wurde Hendrik erneut Teil einer unserer Geschichten.

Diesmal allerdings nicht als Spielercharakter, sondern als Besitzer des Ye Olde Store und Gastgeber eines kleinen Leseclubs.

Jeden Dienstag trafen sich nach Geschäftsschluss fünf Mitglieder im gemütlichen Hinterzimmer seines Ladens.

Neben den Spielfiguren gehörten Mary Garner und Josua Saul dazu.

Man saß zusammen, trank Tee, aß Gebäck und fachsimpelte über Bücher und allerlei interessante Themen.

Es war der Ausgangspunkt einer eigenständigen zweiten Spielrunde in Arkham.

Und ich mochte die Vorstellung, dass Hendrik nach all seinen früheren Erlebnissen noch immer dort lebte.

Wenn alte Charaktere weiterleben

Das ist eine der Eigenschaften, die ich am Rollenspiel besonders liebe.

Eine Figur muss nicht verschwinden, nur weil wir ihren Charakterbogen irgendwann zur Seite legen.

Sie kann Teil der Welt bleiben. Älter werden. Einen Beruf ausüben. Anderen Figuren begegnen. Vielleicht sogar den Ausgangspunkt für völlig neue Geschichten bilden.

Hendrik van Deik war für mich genau so ein Charakter.

Aus einem jungen Ermittler meiner frühen Cthulhu-Jahre wurde Jahrzehnte später ein älterer Buchhändler, der dienstags einen Leseclub veranstaltete.

Ob er seinen Gästen jemals erzählt hat, was er in seiner Jugend tatsächlich erlebt hatte?

Das weiß ich nicht mehr.

Aber ich stelle mir gern vor, dass er manchmal, wenn die letzten Besucher gegangen waren, noch eine Weile allein im Hinterzimmer saß.

Vielleicht mit einer Tasse Tee.

Und vielleicht mit einem Buch, das er eigentlich längst hätte vernichten sollen.


Hendrik van Deik war mein zweiter Cthulhu-Spielercharakter, irgendwann zwischen 1985 und 1988. Der Ye Olde Store wurde später zum Ausgangspunkt einer weiteren, eigenständigen Arkham-Runde.